Alpentours Part IV – Berner Oberland 2011

Die 7andessummits noch längst nicht verdaut, nutzten wir unseren wohlverdienten Sommerurlaub für ein kleines Pendant, das in etwa 3alpessummits heißen könnte, oder anders ausgedrückt:  eine Analyse zur Relevanz der Hüttenverhaltensforschung und Meteorologie für die mentale, physiologische und finanzielle Effizienz.

Haben Christian und ich uns die ersten beiden Tage noch bei überwiegend heiterem Wetter unsere Beine in der Innsbrucker Nordkette und auf dem Mittenwalder Höhenpfad vertreten und unseren motorisierten fahrbaren Untersatz zur heimeligen Schlafstätte zur Optimierung der Urlaubskasse umfunktioniert, so haben wir bereits auf der Fahrt in das schweizerische Berner Oberland einen Vorgeschmack auf das Umtriebensein des wohl auf irgendjemanden zornig zu sein scheinenden Wettergottes erhalten. Düster empfingen uns die 3000er Berge der Westalpen, mystisch anzusehen die serpentinenüberlastete Piste, in deren Szenerie unser Ford lediglich ein Miniaturauto darzustellen vermochte und wir nur vergeblich das Looping der Modellrennstrecke suchten. Und zu unser aller Unmut wollte einfach kein großes gelbes M in den verregneten Orten auftauchen, welches uns mit einer mit Karamell übergossenen Kaltspeise den Tag hätte versüßen sollen ;) Unser Geldbeutel wurde nun an einem Schweizer Bankautomaten stark strapaziert mit der weisen Voraussicht auf die vergleichsweise überaus kostspielige Kost & Logis der Schweizer Hütten. Die Verhaltensregeln einer solchen sollten wir dann später rigoros antrainiert bekommen…

Unsere ersten Gehversuche in den raueren Westalpen begannen also verheißungsvoll :)

TAG 1

Berghaus Oberaar (2.338m) – Oberaarjochhütte (3.258m)

Die letzte Nacht im Auto verlief problemlos, die Höhe von 2.300m ließ uns in Ruhe. Dafür schlug das Wetter auf unser Gemüt, der Blick zum Oberaarjoch unverändert zum Vorabend. Wir sahen nichts! Unser Blick wanderte auf der Zunge des Oberaargletschers empor und verfing sich im Nichts. Da in Etwa müssen wir hin! Noch bevor der Mensch in die Kirche geht,  schälten wir uns aus unserem Schlafgewand, immerhin erwarten wir gleich unsere Freunde aus Göttingen. Eine 5er Seilschaft werden wir dieses Mal sein, die  sich zum ersten Mal an der westalpinen Bergwelt ausprobieren will. Zu jeder vollen Stunde sind wir aufs Neue gespannt, ein GÖ gekennzeichnetes Auto zu erblicken, wird doch der Verkehr auf der einspurigen Fahrstraße vom Grimselpass bis zum Berghaus im halbstündigen Takt mittels Ampelschaltung geregelt. Doch vergebens das zeitige Aufstehen. Das Gemüt wird mit einem letzten Löffel Nutellaersatz aufgepäppelt ;)

Und schließlich die Gewissheit, dass das westdeutsche Gehalt eindeutig für höheres bestimmt sein muss, werden doch Janina & Co tatsächlich mit einem Helikopter eingeflogen. Nicht auszumalen unser Glück, das Gletschergelatsche im Nichts hat ein Ende, ruck zuck werden wir in der warmen Hütte sitzen und das Bier aufkaufen… Wunschdenken …  das Warten setzte sich fort. Ein Murmeltier an der Staumauer schien dasselbe zu tun und so glotzten wir uns doof an. :)

Punkt Mittag erstellten wir schließlich das obligatorische Gruppenfoto für die Daheimgebliebenen, tatsächlich hielt die Kamera doch ein Vorfreudelächeln auf unseren Gesichtern fest – da waren wir nun glücklich vereint – Janina, Christian, Flo, Kriese & ich :)

Als Mega-Ultra-Winzlinge beginnen wir die erste Tour auf der Staumauer des Oberaarsees, welcher uns direkt an das Nordufer geleitet. Der einfache Weg führt uns bis zum matschigen Moränenschutt und weiter zu einem günstigen Einstieg auf dem für diese Jahreszeit unverhältnismäßig stark ausgeaperten Gletscher.  Im Spaltenlabyrinth überwinden wir die ersten Höhenmeter. Ein kurzes Wolkenloch gewährte uns gnädigerweise einen Blick auf unser Ziel, bevor wir schließlich vollends im grauen Nichts verschwanden und das Trommeln kleiner Hagelkörner einen Rhythmus auf den Regenjacken vorgab. Das Gehen am Seil über den firnbedeckten oberen Gletscherteil verlief unkompliziert, nur das Seil am kurzen Klettereinstieg zur Hütte verschaffte leichte Herzrhythmusstörung bei dem Gedanken, dass der seidene Faden, welches das Seil  zusammen hielt, nun gerade jetzt zerreißen könnte.

Doch nichts im Vergleich zu den Herzrhythmusstörungen der nächsten Tage, die uns der überaus charmante Hüttenwirt schenkte. Er hat es immerhin bis in unseren Newsletter geschafft, der Mann hat seinen Reiz :) Sei es sein barscher Befehlston, mit welchem er uns zum Tischdecken, Essenabholen und Lichteinschalten befehligte. Seien es seine düsteren Geschichten über kleine fiese Tierchen, die das Gehirn auffressen, sollte man sich von dem Wasser aus der Leitung versorgen – sein Geldbeutel wird es danken, kosten doch 1,5 Liter Wasser umgerechnet 10,25 EUR! Sei es seine wohlwollende Versorgung von Vegetariern, die er schier zu vergessen schien oder einfach seine Unkenntnis zum Wetter (“Das Gewitter kann da, dort oder auch hier sein”) und dem Gebiet rund um das Oberaarjoch (“Wo wollt ihr hin? Wie wollt ihr da lang?”)

War man nicht selbst betroffen von seinen Attacken, trug es sehr zur herzlichen Erheiterung der Tischrunde bei. ;) Aber das Essen schmeckte und Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen! Eine emotionale Bindung zu seinen Schützlingen zeigte sich in seinem besorgten Abschied vor jeder Hochtour: “Gut aufgepasst!” Na dann! :D

TAG 2

Oberaarjochhütte (3.258m) – Oberaarhorn (3.631m)

Die Sonne scheint beim Aufstehen, das Blatt wird sich wenden, alles wird gut und der Hüttenwirt ein Engel auf Erden… Die Sonne schien auch noch über den Wolken, das Blatt wendete sich nicht, der Hüttenwirt zockte den Marschtee doppelt ab und wir standen im Wolkennebelnichts am Gipfelkreuz des Oberaarhorns :) Dennoch ein kurzweiliges, aufregendes und überaus sehenswertes Unterfangen, versetzt doch das Sonne-Wolkenmix die Bergwelt in einen ganz besonderen Zauber! Der Aufstieg über schnee- und eisbedecktes steiles Blockgelände stillte die kindliche Abenteuerlust und auf dem bis zu 30° ragendem Firnfeld konnte jeder sein eigenes Tempo gehen, bedurfte es wegen der Spaltenabstinenz keiner Seilschaft.

Und dann begann sie wieder ab Mittag, die Hüttenverhaltensforschung  – ausgefüllt mit Gammeln, schlafen, sich aufregen, Bergzeitschriftenlesen, Tourenknobeleien und voller Erwartungshaltung ins weiße Nichts blickend. Das Wetter! Wie wird das Wetter? Schon jetzt wird gemunkelt, die geplante Tour zur Finsteraarhornhütte und auf die umliegenden 4000er Berge abblasen zu müssen. Doch die Zuversicht harrt aus!

TAG 3

Oberaarjochhütte (3.258m) – Studerhorn (3.638m)


Endlich ist es wieder soweit – Weckerklingeln zu nach Discoabenden-Zubettgehzeiten. 3.30 Uhr piept es im Gehirn und zu unser aller Erstaunen zeigte sich ein sternenklarer Himmel und offenbarte uns erstmalig die pompöse Pracht des Berner Oberlandes! Zur blauen Stunde liefen wir beschwingt, da bergab,  in den Kessel des Studergletschers auf 3.060m hinab. Eine zweite Seilschaft eilte uns voraus und zeigte uns vorzüglich die Dimensionen unsereiner als kleine Zwerge in einer gigantischen Naturkulisse.

Ein malerischer Sonnenaufgang geleitete uns direkt in Richtung der 800m steilen Ostwand des Finsteraarhorn. Trotz der guten Verhältnisse kamen wir nur langsam voran und blieben 2 3/4 h nach Aufbruch schließlich im Studerjoch auf 3.408m vor dem atemberaubenden wechtenüberhängenden Grat des Studerhorns stehen. Wow! Wegen des bis zu 40° steilen Firngeländes entschieden wir uns, ohne Seil weiter zugehen, die Mitreißgefahr bei einem Sturz schien uns hier zu groß. Mit der Sonne im Nacken und einem aufgeregten Pulsschlag genoss jeder auf seine Art diese grandiose Kulisse, um uns am Ende auf der Studerhornkuppe bei bester Rundumsicht bergsteigerisch zu beglückwünschen :)

Leider mussten wir uns wegen der ersichtlichen und nicht ersichtlichen objektiven Gefahren (Wechten, Spalten, Eisbrüche) und einer zu geringen Erfahrung im freien spaltenreichen Gelände gegen unsere geplante Gratüberschreitung über den Altmann zum Oberaarhorn entscheiden.

Macht nichts, so waren wir wenigstens wieder zum Mittag auf der Hütte und konnten uns ganz unserer Hüttenverhaltensforschung hingeben – ausgefüllt mit Gammeln, schlafen, sich aufregen, Bergzeitschriftenlesen, Tourenknobeleien und voller Erwartungshaltung in der Sonne sitzend. Das gute Wetter hielt bis in die Abendstunden! Das Wetter! Wie wird das Wetter? Es wird nicht mehr gemunkelt, es steht fest, die geplante Tour zur Finsteraarhornhütte und auf die umliegenden 4000er Berge müssen wir wegen weiterer schlechter Wettervorhersagen abblasen. Die Zuversicht ist dahin. Die Vorfreude auf einen spontan ausgesuchten Gipfel am morgigen Tag bleibt. :)

TAG 4

Oberaarjochhütte (3.258m) – Vordere Galmihorn (3.505m)

The same procedure – andere gehen um diese Zeit nach der Disco ins Bett, wir stehen auf. Und wieder ein sternenklarer Himmel. Wieder die blaue Stunde, der Kessel, der malerische Sonnenaufgang! Und wieder scheitern wir an einer Gratüberschreitung vom Hinteren Galmihorn auf das Vordere. Ab sofort sind Planungen von Gratüberschreitungen von meiner Wunschliste gestrichen! ;) Die Spalten waren es bzw. die zu dieser Jahreszeit untypischen Schneeverhältnisse auf dem Gletscher. Kriese mit der Sonde in der Hand sackt einige Male weg, das Bein baumelnd im Bodenlosen. Ein Schneckentempo. Die Zeit rennt uns davon. Wir entscheiden um. Das Vordere Galmihorn lädt uns mit seiner schmucken weiß glänzenden Kuppe ein. Wir folgen seiner Einladung und lassen uns in einen Sonnenzauber entführen:

In stellenweise sulzigem Gelände lassen wir einige Kraft, knietief sacken wir ein, zum großen Teil mit festem Boden, manchmal jedoch wollten die Füße wohl unterirdische Hohlraumluft schnuppern ;) Und dann tauchen wir ein in eine weiß blaue Unendlichkeit aus Himmel und Gletscher, kein Fels unterbricht mehr dieses Wüstenbild. So muss es in der Ewigkeit sein. Das Gipfelfoto mit Selbstauslöser wurde von einem verwirrten Juchzen begleitet, die Oberfläche senkte sich leicht unter meinem Trampelgewicht, schnell ergriffen wir die Flucht ein paar Schritte zum rettenden Wechtenufer, um unseren wohlverdienten doppelt bezahlten Marschtee endlich in vollen Zügen genießen zu können. Binnen Minuten zog das hübsche Bergtheater seine Vorhänge zu und wir standen in einem von diffusem Sonnenlicht getränktem weißen Nichts. Die Knipserei des eben noch entzückenden Panoramas fiel flach, wir traten eiligst den Rückmarsch an.

Macht nichts, so waren wir wenigstens wieder zum Mittag auf der Hütte und konnten uns ganz unserer Hüttenverhaltensforschung hingeben – ausgefüllt mit Gammeln, schlafen, sich aufregen, Bergzeitschriftenlesen, das schlechte Wettertreiben beobachtend und der Gewissheit, am nächsten Tag abzusteigen und vorzeitig nach Hause zurückzukehren. Das Wetter! Wie wird das Wetter? Wegen uns kann morgen die blöde Bergwelt untergehen! Pah!

TAG 5

Oberaarjochhütte (3.258m) – Berghaus Oberaar (2.338m) – Unterm Jenzig (145m)

Die Wetterprognosen haben sich bewahrheitet, es bleibt richtig mies. Die Sicht ist schlecht, es regnet wie verrückt. Freundlicherweise hat uns ein Mensch seine rötlich-braunen Exkremente auf dem bläulich- weißen Gletscherboden als Markierungshilfe hinterlassen, nur dass wir beide Male links daran vorbeiliefen … im Orientierungslauf benötigen wir wohl noch mehr Scheißhaufen ;) Zudem fehlte Kriese auch noch ein Zeugwart… betroffen musste er am Stausee feststellen, dass er seine Geldtasche mitsamt aller Ausweise und goldener Kreditkarten auf der Hütte vergessen hatte. Vielleicht sollten auch nur die sozialen Kompetenzen des Hüttenwirts für unsere Studie getestet werden, denn was machen wir heute ab Mittag 12 Uhr??

Zu Krieses Glück gab es überaus nette Österreicher auf der Hütte, welche das schwere Gepäck ins Tal bringen und per Post in die Heimat schicken werden. Das Päckchen hat gestern unseren Briefkasten erreicht. Ein herzliches und dickes Dankeschön an dieser Stelle an Peter!!

Zu Claudys Glück konnte die liebe Bettsy noch eine der letzten beiden Katzenjammer – Konzertkarten ergattern, so dass zur Entschädigung für den abgebrochenen Bergurlaub am nächsten Tag kräftig abgezappelt werden konnte. Nur dass es nicht an eine Bar in Amsterdam ging :) Die Moral von der Geschicht: ich werde mich nie wieder schwarz ärgern, in der Urlaubszeit nicht auf ein Konzert zu können ;)



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Der Sommer lässt leider weiter auf sich warten. Nichts desto trotz wünschen wir Euch eine schöne entspannte Sommerzeit, in welche der eine oder andere Urlaub fallen dürfte ;)

Bis zu den nächsten News grüßen Euch herzlich,

Claudy & Christian

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