Das Bein noch ein Stück höher

Bolivien Part V – Unglaubliche Naturschauspiele in Boliviens Süden “Lagunas y Salares”

Was tun, um unsere Akklimatisierung bis nach Argentinien aufrechtzuerhalten? Wir begeben uns auf Dalis Spuren in eine weltliche Dimension, die beinahe überirdische Ausmaße annimmt. Auf dem Weg durch Boliviens Süden tauchen wir wie bereits 2007 in surreale Galaxien ein, so schier unglaublich die malerischen Kulissen, die uns umgeben! Und dieses Seelenfutter hilft uns auch noch auf die Sprünge für den höchsten Berg Südamerikas, bewegen wir uns doch die kommenden 5 Tage zwischen 4000m und 6000m :)

Der Bus nach Uyuni war in La Paz schnell gebucht und kräftig durchgerüttelt erreichten wir übernächtigt in den frühen Morgenstunden die karge, flache und staubige Wüstenstadt! Das Hostel hatte sich verändert, das Fleisch wurde wohl schon  vor längerer Zeit von der Leine genommen und ein paar Waschbecken im Innenhof waren auch entfernt. Die Sonne brennt wieder gnadenlos. Nur die Luft schafft es dieses Mal besser, die Wärme einzufangen und an uns abzugeben…. Das macht Uyuni ja fast erträglich :) Denn ansonsten kann man verstehen, warum dieser Ort früher lediglich als Raststation auf dem Handelsweg von Potosí nach Chile diente – hier ist Nichts! Zu dem Wüstenstaub hat sich nun mit den Jahrzehnten noch großflächiger Müll angesammelt und zwei Kilometer entfernt ein Eisenbahnfriedhof, auf welchem ausgediente Dieselloks seit 100 Jahren ihre letzte Ruhe finden. Diese eisernen Erinnerungen an die Industrialisierung werden auch zugleich unsere ersten Objekte der Begierde, wir versuchen uns an einem Fotoshooting mit unserer markanten gelben Tatonka Tasche :)

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Die Wahl auf eine der unzähligen ortsansässigen Agenturen, welche Fahrten durch die bizarre Landschaft bis an die chilenische Grenze anbieten, fiel uns schwer, schafft es noch nicht einmal der Reiseführer Empfehlungen auszuschreiben angesichts des stark fluktuierenden Marktes und der unseriösen Anbieter. Tito Tours war dann tatsächlich ein Griff ins Klo, was zu unserem Glück gleich in den ersten Stunden unserer  Fahrt eine positive Wendung nahm als die aus 1000 Lügen gestrickte Tour nämlich nach dem Ermessen der Agentur nicht voll belegt war und wir eben mal so an eine andere (im Nachhinein bessere Agentur) verkauft wurden. Nur ging die Rechnung nicht ganz auf gegen die stark wetternden 2 Deutschen (wir) und einem französischen Pärchen als es nun entgegen der Versprechungen hieß, dass sich in dem Jeep 3 Leute auf die hintere Sitzbank quetschen sollen. Drohungen, die Tour zu canceln, ignorierten wir rigoros, auch wenn es für uns fatale Folgen hätte, da der Ausreisestempel bereits in unseren Pässen war ^.^ Unser Sitzstreik hatte Erfolg, eine Köchin musste zu Hause bleiben und Fahrer, die schöne Köchin und der Guide sich vorne hineinpressen. Pech gehabt, sollen sie spüren, dass sie die Touris nicht lügenbehaftet über den Nuckel ziehen können!

Viva la revolución de turistas!

Wir schlossen Bekanntschaft mit Didier y Francoise, die Eroberung der Westalpen kann nun 2011 beginnen. Das überaus sympathische Pärchen aus Frankreich betreibt eine Apfelfarm unweit von Chamonix :) Auch die Berge um Calgary sind gesichert, wenn wir der Einladung von James aus Canada folgen, dem Fünften im Bunde! Wir frohlockten derweil mit unserem Rennsteig in der Nähe, dem Schlachtfeld von Bonaparte und der Besteigung des höchsten Thüringer Gipfels! Mal schauen, ob sie dem Charme des grünen Herzens erlegen sind :)

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In gelebter Harmonie war unsere anfängliche Revolte schnell vom Tische, stattdessen ließen wir uns als bald von Mutter Natur in eine Zauberwelt entführen. Die Salzwüste von Uyuni saugt einen mit ihrer unendlichen weißen Weite regelrecht auf und verleitet einen dazu, sich die Augen zu reiben, wenn man plötzlich an ihrem Horizont daherschwebende Autos zu sehen glaubt und die Berge zu fliegen scheinen!! Bei dem mittäglichen Zwischenstopp bekommen wir genug Zeit für sogenannte “funny pictures”, welche die Dimensionen zu ihren Gunsten zu nutzen wissen… Schießbudengleich liegen die Fotografen vor den schnell zusammengesuchten Utensilien, um in Handumdrehen bzw. per Fingerklick die wildesten Jurassicparkszenen nachzustellen oder den Flaschengeist ins Leben zu rufen. Nimmt man sich aus der Schießbude eben mal raus, ist die sich vor einem abspielende Szenerie passend zu diesem Landstrich völlig bizarr: zu komischen Figuren erstarrte Männiken die auf ihre Anweisungen warten “Noch a Stückl weiter nach rechts!” “Das Bein noch ein Stück höher!” “Nee, nee, nee, Stopp, zurück, noch a Stück” usw. :)

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Die nächsten Tage sind voll von Jeeps…. und natürlich unvergesslichen Panoramen in der Wüste: einem Vulkanenmeer, kunterbunten Lagunen, bizarren Felsformationen, scheuen Flamingos, grazilen Vicunas, einem knallblauen Himmel, leuchtend gelben Paramogras, einem zischenden und brodelnden Erdboden, heißen Quellen, Sonnenuntergängen, Sonnenaufgängen, rauchenden Vulkanen und mittendrin die staunenden Touris, die sich durch diese einmalige Gegend kutschieren lassen!

Machen wir das richtig? Zweifel kommen auf, werden hier doch täglich 50 Jeeps durchgeschleust… doch das Problem ist nicht die Menge, so der Guide, sondern die Art und Weise der Touren. Jeder kann hier machen, was er will, es gibt keine Reglements seitens der Regierung, stattdessen Hunderte Wege, die die Landschaft zerstören…. Was uns noch erschreckt ist der wahnsinnig geringe Wasserstand der Lagunen im Vergleich zu 2007! Es gruselt uns bei dem Gedanken, diesen Landstrich irgendwann an die Klimaveränderung zu verlieren. Es hätte, so der Guide, seit drei Jahren nicht mehr über diesem Flecken Erde geregnet! Unvorstellbar!

An der Laguna Blanca kurz vor der chilenischen Grenze werden wir zurückgelassen, immerhin wartet hier der knapp 6000m hohe Vulkan Licancabur auf seine Besteigung :) Sonst wartet niemand in dieser beinahe gottverlassenen Gegend auf uns. Der erste Schock ist schnell verdaut, als es entgegen der Angaben der Uyuni Agentur hieß, hier sei gerade kein Bergführer zugegen…. So ernennt sich der Parkranger schnell zu eben diesen und verspricht uns für morgen sicheres Geleit zum Gipfel. Die sehr nette Bekanntschaft mit den Radlern Marc, Indira und Juan von www.2greenprints.org bleibt ziemlich kurz als diese dann nach Chile aufbrechen. Und so blieben wir die nächsten 2 Tage unter uns, kein weiterer Tourist, das Wasser knapp, da die Gerätschaft zum Wasserholen defekt ist, kein Strom, absolute Stille in der landschaftlichen Weite… es klingt beinahe romantisch, aber – kein Heiratsantrag! ;) Nur die zahnlose Indiofrau und ihre Tochter, unser Guide mit der zahnschmerzenden dicken Wange und ein fast krankhaft in einen Taschenspiegel daherblickender Ranger durchbrechen ab und an unsere Zweisamkeit. Kann man hier irre werden?

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Unser Aufstieg am nächsten Morgen auf den Licancabur klappt hervorragend, auf die Bolivianer ist doch Verlass :) Mit dem Jeep juckeln wir zunächst in der 3 Uhr nächtlichen Dunkelheit zum Ausgangspunkt der Besteigung. Ab nun hieß es stetig serpentinenschön im Schotter und Fels 1400 Höhenmeter bergan, was wir doch irgendwie mit Bravour meisterten. 5 ½ Stunden später konnten wir den Gipfel mit einem Schrei in den Kratersee für uns verbuchen. Unter uns ein Ölgemälde aus 1000 Vulkanen und dem markanten Farbtupfer der Laguna Verde im Vordergrund. Wow! Der Abstieg traumhaft schnell -  wie schon? -  im Schotter! :) Abfaaaahrt!!! Eingestaubt bis hinter den Kiemen waren wir nur knapp über eine Stunde später an der Stelle, an welcher uns der Jeep rausgeworfen hatte. In unserem Rücken die unglaubliche Abfahrtspiste – ähm wie? Da sind wir runter? Unmöglich!!

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Den restlichen Tag schließlich verschlafen und verlesen schafften wir problemlos am nächsten Morgen den Sprung über die Grenze nach San Pedro de Atacama/ Chile, zwar langsamer als gedacht wegen eines Beamtenstreiks und zudem der erneuten Zeitverschiebung (wir sind nun nur noch 4 Stunden hinter Euch, wir rücken Euch immer näher, ergo, wir beginnen plötzlich, unsere verbleibende Zeit rückwärts zu zählen, wahhhh), aber man kann ja nicht langsam genug in die Zivilisation zurückkehren und die ist dann in diesem winzigen kleinen Wüstenort mehr als heftig, wenn man plötzlich mehr Touristen als es am Roraima Puri Puris gibt, trifft!! Zudem überteuert hält uns der Ort an, im niedlichen idyllischen Hostel zu bleiben, selbst zu kochen, die Leselektüre zu Ende zu lesen, sich in der Hängematte zu schaukeln oder einfach nichts zu tun :) Na ja, so ganz auf der faulen Haut liegen geht dann doch nicht, und so ahmen wir 2greenprints nach und üben uns am Fahrradfahren in der Wüste, wollen doch mal ein Gefühl für unser nächstes Abenteuer bekommen… ;)


Am Freitag dann haben wir uns mal wieder knapp 2 Tage durch die halbe Welt schuckeln lassen und sind dabei in Mendoza in Argentinien gelandet. Und ups, ungeplanterweise geht es morgen schon an das Abenteuer Aconcagua, wenn es heißt, sich den höchsten Punkt von Südamerika zu erkämpfen…. Ab morgen heißt es nun, für 20 Tage die Daumen drücken, solange gilt zumindest das Permit für die Besteigung!! :)

Wir versprechen hoch und heilig, vorsichtig zu sein und nichts zu riskieren und freuen uns auf einen Neujahrsgruß gemailt, telefoniert oder geskypt! Leider fallen nun die persönlichen Weihnachtsgrüße aus, dass wir so schnell in die Bergwelt abtauchen werden, war nicht geplant… aber was macht man nicht alles, um Geld zu sparen ^.^

Aus der heißen Sonne vorm ollen künstlichen Weihnachtsboame sitzend grüßen Euch herzlichst,

Claudy y Christian

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